Strategie – konvergierende Netzwerke

Der Geschäftsbereich IT des Universitäts-klinikums Münster (UKM) arbeitet an einem bahnbrechenden Projekt.

 

Die IT-Abteilungen der Kliniken der Zukunft sehen sich großen Herausforderungen gegenüber. So werden nicht nur durch neue bildgebende Verfahren große Datenmengen erzeugt, sondern diese müssen auch verarbeitet, dargestellt, gespeichert und archiviert werden. Jetzt scheint das auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches. Die Daten eines Patienten bei einem Aufenthalt in einem Universitätsklinikum sind das auch nicht. Zukünftig sollen die Daten dieses Patienten aber über den Zeitraum seines Lebens gespeichert werden. In die zentrale Patientenakte kommen darüber hinaus auch noch die Daten aller nicht an dem Klinikum in unserem Beispiel angefallenen Untersuchungen. Wenn dann die Daten möglichst in Echtzeit europaweit Ärzten zur Verfügung gestellt werden sollen, wird das Ganze zu einer nur schwer beherrschbaren Herausforderung.

Diese Daten sind allen Klinikbereichen und Ärzten für weitere Untersuchungen zur Verfügung zu stellen. Die Einführung der europäischen Gesundheitsakte erfolgt gemäß der Richtlinie 2011/24/EU. Nach dieser Richtlinie muss ein zentrales europäisches Gesundheitsaktensystem bis 2020 aufgebaut sein. Das heißt nach einer entsprechenden Freigabe der Untersuchungsdaten durch den Patienten/Arzt sollen diese europaweit zur Verfügung gestellt werden können. Unabhängig von den vielen Rechts- und Sicherheitsfragen müssen sich die Kliniken den technischen Herausforderungen stellen.

Die vielschichtige Klinik-Kommunikation legt darüber hinaus nahe, deren heterogene Infrastruktur- und Datenlandschaft auf den Prüfstand zu stellen. Das UKM hat in einem groß angelegten Konsolidierungsvorhaben diese Herausforderungen angenommen. Die Berater der noventum consulting GmbH unterstützen dieses Projekt. novum sprach mit Katja Kümmel, Leiterin der IT des UKM.

novum: Wie schätzen Sie die Möglichkeiten zur Umsetzung einer integrierten Gesamtlösung für die Klinik-Kommunikation ein?

Katja Kümmel: Das UKM strebt die Umsetzung einer solchen integrierten Gesamtlösung an. Hierzu muss man wissen, dass die Kommunikation eines Universitätsklinikums extrem vielschichtig und heute in heterogenen Strukturen umgesetzt ist. Telefonanlagen, drahtlose Telefone, EDV-Netze mit KIS, dem „Krankenhaus-Informations-System“, Wireless LAN für die „Mobile Visite“, Schwesternruf und andere Kommunikationssysteme sind heute oft in einem außerordentlich heterogenen Zustand was Erreichbarkeit überhaupt und Performance im Besonderen betrifft. Internet-Zugänge für Patienten, Patienten- und Klinikfernsehen, Abrechnungssysteme für Telefon, TV, Cafeteria und Parkhaus, Gegensprechanlagen mit und ohne Videoüberwachung, Haustechnik, Alarmsysteme und die Option von Videokonferenzen – die IT-gestützte Technik in einer großen Klinik ist außerordentlich vielfältig.

Um die angesprochenen Dienste in einem konvergenten Netzwerk zusammenzuführen, sind Migration und Integration auf vielen Ebenen zu planen. Das Universitätsklinikum Münster (UKM) stellt sich diesen Herausforderungen. So hat das Projekt „konvergente Netzstrategie“ sich mit der Zusammenführung proprietärer Kliniknetzwerke zu einem IP-basierenden Netzwerk auseinandergesetzt und einen Weg aufgezeigt, wie wir eine integrierte Gesamtlösung schaffen können.

novum: Was verstehen Sie in diesem Zusammenhang unter konvergenten Netzen?

Katja Kümmel: Konvergente Netze – dieses Schlagwort umschreibt die konsequente Zusammenführung verschiedener Anwendungen, Applikationen und Dienste auf einem IP-basierten Netz (Internet-Protokoll) mit einheitlicher Infrastruktur.Durch die Schaffung einer umfassenden, integrierten Infrastruktur, die für die sichere Funktion zeitkritischer Anwendungen sorgt, ist das „konvergente Netzwerk“ nicht nur eine Lösung für Anwendungen im medizinischen Bereich, sondern setzt Maßstäbe für das gesamte Gesundheitswesen. Es ist umfassend und konvergent, flexibel, sicher, reaktionsschnell und interaktiv. Es stellt eine stabile, hochverfügbare Infrastruktur zur Verfügung, die eine effiziente Kommunikation für das im klinischen Bereich sowie außerhalb der betreffenden Klinik tätige medizinische und technische Personal sowie die Patienten ermöglicht.

novum: Welche Ziele verfolgt das UKM mit dieser Strategie?

Katja Kümmel: Das UKM möchte

  • klinikübergreifende optimierte Verwaltungs-, Pflege- und Kommunikationsprozesse,
  • eine schlankere Kostenstruktur und niedrigere Gesamtausgaben für Kommunikationsinfrastruktur und Netzwerktechnologie erreichen, 
  • eine gemeinsame LAN-/WLAN-Infrastruktur für Telefon, „Mobile Visite“, Lokalisierung und Patienten-Monitoring, 
  • eine einfache und kostengünstige Integration weiterer Kliniken/Pflegeeinrichtungen in das bestehende Kommunikationssystem ermöglichen,
  • einfache und kostengünstige Redundanz der Systeme im Netzwerk und im Rechenzentrum, 
  • eine Erhöhung der Daten-Sicherheit durch Zentralisierung der Steuerungssysteme im Rechenzentrum und eine 
  • einheitliche, zentrale Überwachung der gesamten entstehenden konvergenten Netzwerke ermöglichen.

 

Abbildung 1: Netzwerke in der Medizin
Abbildung 2: Eigene Darstellung angelehnt an cisco.at - Konvergentes Netzwerk

 

novum: Eine solche Netzwerkstrategie ist nicht nur technisch zu bewältigen, sie verlangt auch nach politischer Unterstützung?

Katja Kümmel: Das ist richtig. Eine auf mehrere Jahre konzipierte Planungs-, Koordinations- und Umsetzungsabfolge setzt einen langen Atem und nachhaltige Unterstützung nicht nur der Geschäftsleitung des UKM, sondern durch alle Beteiligten voraus. Die organisatorischen und planerischen Hürden, die das Ziel einer konvergenten Netzstrategie mit sich bringt, sind außerordentlich hoch. Die Vielzahl der technischen Komponenten findet ihre Entsprechung in einer mindestens ebenso komplexen Entscheidungs- und Verantwortungsstruktur. Die Vielzahl der beteiligten Instanzen und Shareholder hinter einem gemeinsamen Ziel zu versammeln, ist eine Aufgabe mit politischer und auch psychologischer Tragweite. Die gesetzlich fixierten und die gesellschaftlich erwünschten Aspekte aus dem Bereich Datensicherheit zu berücksichtigen, ist nur eine aus einer Vielzahl anspruchsvoller Aufgaben.

Die netztechnische Entwicklung, die gesetzlichen Rahmendaten, die Entwicklung der Medizintechnik und eine große Zahl ‚weicher‘ Faktoren des modernen Klinikalltages markieren den Rahmen und Anspruch eines solchen Konsolidierungsprojektes.  

novum: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Universitätsklinikum Münster

Katja Kümmel

BEREICHSLEITUNG IT

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