Culture eats Strategy for Breakfast - Impressionen vom IT Strategiekongress 2022

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Digitalisierung im Münsterland – ein Blick weit nach vorn

Über den disruptiven Wandel und die steigende Komplexität, die alle Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft erfasst, werden hochkarätige Kongresse in Berlin, Hamburg, Frankfurt, München & Co. durchgeführt. Das IT-Forum Nordwestfalen hat sich vor 5 Jahren das Ziel gesteckt, ein sehr wertiges Veranstaltungsformat zum Thema IT-Strategie und Digitalisierung in der Provinz in Münster zu etablieren und dabei jedes Jahr immer mindestens 5 Jahre nach vorne zu schauen. Der erste Strategiekongress stieg im Mai 2014 unter dem Titel IT-Strategie 2019, der 4. Kongress durfte sich jetzt IT-Strategie 2022 nennen und fand am 11. Mai im Speicher10 statt. Namhafte Referenten wie Time Cole und Sven Gábor Jánszky rahmten die Vortragsreihe.

Digitale Transformation – und wo bleibt Deutschland?

Den Auftakt der Redner machte Tim Cole, ein deutsch-amerikanischer Internet Publizist der ersten Stunde. Time Cole hat im Jahre 1999 sein erstes Buch über webbasierte Geschäfte unter dem Titel „Erfolgsfaktor Internet - Warum kein Unternehmen ohne Vernetzung überleben wird.“ veröffentlicht. Sein aktuelles Buch trägt den Titel „Digitale Transformation - Warum die deutsche Wirtschaft gerade die digitale Zukunft verschläft und was jetzt getan werden muss!“ Genau diese wachrüttelnde These hat Time Cole den Kongressteilnehmern auch in seinem Vortrag nahegebracht und damit die passende Grundstimmung erzeugt. Auf der gut sortierten Website tim@cole.de und in seinem Blog (proudly blogging since 1995!) kann man auch als Nichtanwesender einen guten Eindruck in seine vielfältigen und gut strukturierten Thesen bekommen.

Cybercrime – der Wettlauf wird anspruchsvoller

In den 20er Jahren dieses Jahrhunderts erwartet die Polizei neue Herausforderungen u.a. durch Drohnen, Blockchain, 3D-Technik und das Internet of Everything. 30 Exabyte an Daten, 70 Millionen IP-Verbindungen pro Sekunde und 30 Milliarden IP-Endpunkte führen zu einem exponentiellen Anstieg der Komplexität bieten vielfältige Angriffsflächen. Unter diesen Prämissen zeigte uns der auf Cybercrime spezialisierte leitende Polizeidirekter Andreas Lezgus eindrucksvoll und mit prägnanten Beispielen den immer anspruchsvolleren Wettlauf zwischen Cyberkriminellen und der Polizei auf. Neben allen technischen Vorkehrungen betonte Andreas Lezgus besonders auch die personellen und organisatorischen Anforderungen sowie neue Rollen und Führungskompetenzen. Verschlüsselung und Schutz der digitalen Identität sind nach seiner Einschätzung zukünftige Kernkompetenzen.

Schüco rockt

Schüco ist einer der führenden Anbieter von hochwertigen Fenster-, Tür- und Fassadensystemen aus Aluminium, Kunststoff und Stahl, siehe auch https://www.youtube.com/watch?v=uz8dJu8o6DU. Das Unternehmen hat seinen Hauptsitz in Bielefeld, ist in über 80 Ländern tätig und beschäftigt aktuell 4.630 Mitarbeiter. Kurt Trautmann, der CIO dieses beeindruckenden Unternehmens, gab auf dem IT-Strategiekongress den Teilnehmern einen faszinieren Einblick in ein vor 10 Monaten initiiertes und kürzlich umgesetztes Digitalisierungsprojekt. Das Unternehmen hat dabei ganz konsequent die Geschäftsprozesse zu ihren Kunden und strategischen Partnern auf digitale Nutzenpotenziale analysiert und dann gezielt innovative Lösungen gebaut. In diesem Rahmen wurden unter anderem die erfolgskritischen Logistikprozesse auf einer Großbaustelle mit Hilfe einer selbst entwickelten 3D Computeranimationen dargestellt, womit erhebliche Effizienzgewinne im Bau realisiert werden. Kurt Trautmann schilderte auch, wie es gelang, den „mind shift“ vom handwerklich geprägten Traditionsunternehmen hin zu einem Digital Champion zu gestalten. Ein Schlüsselerlebnis dabei war u.a. eine Reise der Verantwortlichen ins Silicon Valley, um mit diesen Impulsen die Lust auf Innovation mit Hilfe der Digitalisierung zu steigern. Dass dies gelungen ist, verkörperte Kurt Trautmann in begeisternder Manier.

Nachrichten aus der Zukunft

Den krönenden Abschluss unseres Strategiekongresses bildete Deutschlands innovativster Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky. Unter dem Titel „Arbeitswelten 2025“ verdeutlichte der Leiter des 2b AHEAD ThinkTank Gmbh, was künstliche Intelligenz mit unseren Lebenswelten in den nächsten Jahrzehnten macht. Er ist sich sicher, dass die Technik nicht aufgehalten werden kann, wenn es sich für viele Menschen lohnt und dass es bei jeder technischen Neuerung viele Gewinner, aber auch ggfls. vordergründig einige Verlierer geben wird. Eine Auswahl der Einsatzgebiete von KI verdeutlicht diese Vortragsaufzeichnung von Sven Gábor Jánszky https://www.youtube.com/watch?v=EMpBCr4--Aw.

Das Statement des Vortrags auf unserem Kongress, das bei mir am intensivsten hängen geblieben ist, war die ernst gemeinte Prognose „Im Jahr 2057 ist der Mensch die zweitintelligenteste Spezies auf der Erde“. Uups, dann ist mein Sohn jünger als ich heute bin. Auf die in der Abschlussdiskussion gestellte Frage „Was macht dann den Menschen gegenüber den Maschinen aus?“ zeichnete Sven Gábor Jánszky mehrere verschiedene Szenarien auf. Nicht alle waren ermutigend.

Locker vom Hocker

Dass die gesamte Veranstaltung bei aller inhaltlichen Tiefe, bei allen atemberaubenden und bei manchen beängstigenden Szenarien so leicht, locker und persönlich sympathisch herüberkam, war zu großen Teilen dem heute+ Moderator Daniel Bröckerhoff und dem wissenschaftsjournalistischem Komödianten Dr. Sascha Ott zu verdanken. Beide schafften es, mit professioneller Leichtigkeit alle Teilnehmer im wahrsten Sinne des Wortes bei guter Laune zu halten.

Ach ja, Culture eats Strategy …

Zurück zur Überschrift dieses Artikels, dem in diesen Tagen oft benutzten Zitat des Management Gurus Peter Drucker „Culture eats Strategy for Breakfast!“ Alle Referenten des Strategiekongresses haben in ihren Vorträgen sehr deutlich auf den Erfolgsfaktor „mind set“ hingewiesen. Digitalisierung erhöht die Komplexität. Erhöhte Komplexität kann nicht reduziert werden, sondern muss mit Agilität bewältigt werden. Agilität braucht eine Haltung von Vertrauen, Verantwortung, Selbstorganisation, Transparenz, Partizipation und Kooperation. Dieser Dreisprung bedeutet für mich auch, dass Führung neu definiert werden muss, und zwar klar weg vom Bestimmer und Überwacher hin zum Befähiger und Systemarchitekten. Ohne diesen „mind set“ des 21sten Jahrhunderts werden die Herausforderungen des digitalen Wandels wohl nicht zu bewältigen sein. Ich bin optimistisch, dass viele Unternehmen und deren Führungskräfte dies lernen werden.

Sven Gábor Jánszky

Sven Gábor Jánszky

Tim Cole

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