Digitalisierungshürden bei Konzernen

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Warum tun sich große Handelsunternehmen bei der Digitalisierung so schwer? – ein Interview mit dem Ex-CIO der Metro Gruppe

In der vergangenen Woche durfte ich mit Silvester Macho, dem Ex-CIO der Metro Gruppe, einem international agierenden MDAX Unternehmen mit einem Umsatz von 54,4 Mrd. € und 220.000 Mitarbeitern, über die Herausforderungen der Handelsbranche bei der Digitalisierung sprechen. Auszüge aus meinem ausführlichen Interview mit Silvester Macho möchte ich in meinem heutigen Blogartikel veröffentlichen. Übrigens feiert mein Blog heute ein kleines Jubiläum. Ich veröffentliche hiermit meinen 25. Blogartikel zur Relevanz von Unternehmenskultur.

 

Digitalisierung – wollen wir das noch hören?

Silvester Macho mag die Schlagworte im Rahmen der Digitalisierung, z.B. Big Data, Cloud Computing, Digitale Transformation, Industrie 4.0, Internet der Dinge etc. kaum noch hören. Er meint, dass mittlerweile doch jeder mit dem Thema unterwegs ist, dass das meiste hinreichend bekannt ist und dass vieles über unzählige Plattformen und Medien einfach immer wiederholt und voneinander abgeschrieben wird.

Nach seiner Meinung ist es mit der Digitalisierung wie beim Fußball. Wir haben in Deutschland Millionen von Trainern bzw. Bundestrainern, aber nur einen Jogi Löw und eine Handvoll guter, innovativer Trainer! Und bei der Digitalisierung schaffen es auch nur wenige, diese in Ihren Unternehmen erfolgreich umsetzen.

Schließlich hat Digitalisierung nur dann einen Nutzen, wenn digitale Kreativität (Innovation, Technologie, konkrete Anwendungen) in pragmatische Lösungen, die Mehrwerte für ein Unternehmen erzeugen, überführt werden.

 

Was kann die Digitalisierung für den Handel bringen?

Die Potentiale sind beachtlich. Theoretisch. Handelsunternehmen können ihre Geschäftsprozesse optimieren und damit schneller und günstiger agieren. Die Zusammenarbeit mit Partnern und Kunden kann ebenfalls schneller, effizienter und transparenter erfolgen und damit der Geschäftsbeziehung eine neue Qualität verleihen. Auch die Interaktion mit den Lieferanten kann effizienter und damit wirtschaftlicher erfolgen. Mit der Digitalisierung können Handelsunternehmen neue Geschäftsmodelle entwickeln und eine intensivere Markterschließung und Kundenbindung erzielen. Neue Services, z.B. Zustellung, technische Beratung u.Ä. sind mit der Digitalisierung möglich und können im Wettbewerb eine Differenzierung möglich machen. Dazu gehören auch intelligente Multi-Channel-Kundenbindungsstrategien (stationär und online kombiniert).

Wenn ein Handelsunternehmen seine Digitalisierungspotentiale konsequent nutzt, indem es zunehmend als „technology-driven-company“ á la AMAZON und GOOGLE agiert, ergeben sich also vielfältige Möglichkeiten, das Geschäft weiterzuentwickeln und neu zu definieren.

 

Klingt einfach – ist es aber nicht!

Warum tun sich insbesondere die etablierten deutschen Handelsunternehmen so schwer, diese großen Potentiale zu erschließen? Silvester Macho hat dazu einige Erklärungen. Im Kern steht die Problematik der Rolle des Geschäftsbereiches IT bzw. die Rolle des hausinternen IT-Dienstleistungsunternehmens. Die IT Organisation wird meist nicht als Innovator des Konzerns gesehen, sondern fungiert per Definition als reiner Dienstleister, der auf Kostenoptimierung ausgerichtet ist. Daraus folgt, dass IT Organisationen oft weder strukturell noch prozessual für die Digitalisierung aufgestellt sind. Auf der anderen Seite agieren die Fachbereiche häufig unabhängig von der IT Organisation, wenn es um die Entwicklung IT-basierter Geschäfts- und Prozessinnovationen geht. In der IT wiederum mangelt es an Prozesswissen und in den Fachbereichen fehlt Technologie Knowhow, zu IT-Architekturen, Cloudtechnologien etc.

Das klingt alles nach dem seit Jahrzehnten beklagten mangelhaften „Business-IT-Alignment“. In den Zeiten der Digitalisierung und dem enormen Potential ist dieses Problem jedoch besonders dramatisch.

 

Raus aus der Digitalisierungsfalle!

Silvester Macho hat mir in unserem Interview einige Möglichkeiten erläutert, diese Schwierigkeiten zu bewältigen. Zum ersten müssen geeignete Mitarbeiter sowohl in der IT wie auch in den Fachbereichen benannt und ermächtigt werden, die den digitalen Wandel vorantreiben können und wollen. Des Weiteren ist die Weiterentwicklung der Rolle der IT Organisation und organisatorische Verankerung im Unternehmen von entscheidender Bedeutung. Die Brücke von der IT zu den Fachbereichen muss aufgebaut bzw. verstärkt werden. Neue Technologien und IT Architekturen müssen gemeinsam erkannt, verstanden und bewertet werden und in die bestehenden Lösungen integriert werden.

 

Vier ganz konkrete Empfehlungen von Silvester Macho an Handelskonzerne

  1. Definiert eine digitale Strategie mit ausreichendem Budget, klaren Verantwortlichkeiten und fokussierten Prioritäten!

  2. Bildet „Digital Ambassadors“ aus den eigenen Reihen, stärkt sie und integriert sie!

  3. Plant kein Business ohne IT! IT ist der zentrale und unverzichtbare Treiber unternehmerischer Wertschöpfung.

  4. Schafft Innovationen durch Netzwerke! Aus strategischen Lieferanten werden Innovationspartner.

 

Die Menschen machen den Unterschied

Prozessoptimierung und technologischer Kompetenz sind sehr wichtige Faktoren zur erfolgreichen Digitalisierung und damit zur verbesserten Wertschöpfung von Unternehmen. Entscheidend ist jedoch, dass dessen Mitarbeiter mit hoher Identifikation und Kundenorientierung die großen mit Digitalisierungsprojekten verbundenen Veränderungen gestalten. Wenn es den Unternehmen gelingt, eine entsprechende Kultur zu pflegen und damit auch attraktiv für innovationsfähige Mitarbeiter zu sein, ist eine wichtige Voraussetzung für erfolgreiche Digitalisierung gegeben.

Dem kann ich voll und ganz zustimmen. Ich bedanke mich herzlich bei Silvester Macho für das Interview und freue mich schon sehr auf seinen Vortrag auf dem www.businessunusualforum.de am 22. September in Münster.

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