Zeitdruck macht erfinderisch

von

Das Management Lab Sylt in der 8. Runde

Unter dem Motto „Improvisation. Inspiration. Innovation“ veranstalten Oliver Pauli von www.placebo-muenster.de und ich einmal im Jahr mit ca. 20 Teilnehmern die Sylter Tage bzw. das Management Lab Sylt www.sylter-tage.de . In der vergangenen Woche durften wir diese außergewöhnliche Veranstaltung zum 8. Mal durchführen. Neben dem intensiven Dialog in der Natur und mit der Natur geht es dabei darum, die Kraft der Intuition und der Improvisationsfreude zu erleben und zu trainieren. Dies geschieht in unserem Seminar zum einen bei Elementen der Theaterinszenierung und zum anderen bei systematischen Innovationsexperimenten mit echten Sylter Unternehmen und deren echten Herausforderungen.

Die Szene geht vor - Erster Akt

Die Szene geht vor. Diesmal nicht im auf das Business übertragenem Sinne, sondern ganz wörtlich. In unserem Management Lab inszenieren wir ein Theaterstück und führen dies auf. Und zwar unter recht erschwerten Bedingungen, denn

  • es existiert noch kein Drehbuch
  • es existieren weder Bühnenbild noch Requisiten, lediglich Umzugskartons, Stifte, Kleber, bunte Pappen, Schere und Schaumstoffwürste
  • alle benötigten Drehbuchautoren, Bühnenbildner und Schauspieler sind blutige Laien und haben sich erst vor wenigen Stunden kennengelernt
  • für das Schreiben des Drehbuchs, die Erstellung des Bühnenbilds und die Aufführung eines 10-minütigen Bühnenstücks in drei Akten stehen 90 Minuten zur Verfügung.
  • Klingt unmöglich, ist es aber nicht. Tatsächlich konnte die Teilnehmergruppe des Management Lab Sylt diese Herausforderung erfolgreich und mit großer Freude bewältigen. Was war das Geheimrezept?
  1. Die zwanzigköpfige Laienspielschar teilt sich nach persönlicher Neigung in drei Gruppen auf, und zwar in Drehbuchschreiber, in Bühnenbildner und in Schauspieler
  2. Die Grundzüge der Handlung werden im Sinne des Improtheaters im Plenum in den Raum geworfen und dann schnell vereinbart
  3. Danach ziehen sich alle drei Gruppen zurück und arbeiten parallel (!) an den entsprechenden Aufgaben. Dabei ist es besonders wichtig, dass die Drehbuchschreiber ganz im Sinne des agilen Projektmanagements so schnell wie möglich Teilergebnisse an die anderen beiden Gruppen weitergeben, so dass diese darauf aufsetzen können
  4. In allen Gruppen muss sehr schnell festgelegt werden, wer welche Rolle bzw. Aufgabe übernimmt, damit dann an der gemeinsamen Szene gearbeitet werden kann.      
  5. Bei dieser Form der Inszenierung ist das Leben der drei Improgrundsätze „Retten ist Pflicht“, „Mache den anderen groß“ und ganz besonders „Sage JA, und …“ von entscheidender Bedeutung, damit der vierte Improgrundsatz „Die Szene geht vor“ wahr werden kann.

Die Szene geht vor - Zweiter Akt

Nach dem spielerischen Umfeld der Theaterbühne geht es im nächsten Spiel um Business Innovationen, konkret um „Cross-Innovations“ und zwar am Beispiel von Sylter Unternehmen. Zu Auftakt macht sich die Teilnehmergruppe in einem Schnellkurs vertraut mit den Megatrends, mit relevanten Zielgruppen der Zukunft und deren Grundbedürfnissen, mit modernen Erfolgsprinzipien und mit der Innovationsmethode „Engpasskonzentrierte Strategie“, kurz EKS. Ausgerüstet mit diesem Handwerkszeug bilden wir drei Gruppen, die je ein Unternehmen zwecks Innovationsberatung besuchen dürfen. In diesem Jahr haben sich ein Getränkehändler, ein Appartementvermieter und ein Vermieter bzw. Verkäufer hochwertiger e-bikes als Experimentierunternehmen zur Verfügung gestellt. Mit den Unternehmern wird dann ein ca. 90-minütiges Analysegespräch geführt, bei der erst das heutige Geschäft erläutert wird und dann die relevantesten Megatrends, vielversprechende Zielgruppen und mögliche Kooperationsbranchen für zukünftige Innovationen ausgewählt werden. Mit dieser Hausaufgabe ziehen sich die drei Innovationsteams zurück, um daraus ein bis drei konkrete Vorschläge zur Weiterentwicklung des Geschäfts zu entwickeln und präsentationsreif zu gestalten.

Für diese Aufgabe stehen insgesamt 3 Stunden zur Verfügung. Ähnlich wie bei der oben beschriebenen Herkulesaufgabe der Erstellung des Theaterstücks ist auch diese Aufgabe recht anspruchsvoll, besonders wenn man berücksichtigt, was alles betrachtet werden muss

  • 12 sozio-kulturelle Megatrends
  • 10 Lebensstile
  • 11 Erfolgsprinzipien
  • 40 Kooperationsbranchen
  • 50 Grundbedürfnisse
  • die Innovationsmethode EKS
  • Erschwerend kommt hinzu, dass die Teilnehmer überwiegend nicht mit den oben genannten Elementen vertraut sind und dass sie eine spontan zusammengesetzte Gruppe aus Unternehmern verschiedener Branchen sind. Dass auch diese Aufgabe von den neu zusammengewürfelten Teams hervorragend gelöst werden kann, beruht wieder auf der konsequenten Anwendung der vier Improprinzipien „Sage JA, und …“, „Mache den Anderen groß“, „Retten ist Pfilcht“ und besonders „Die Szene geht vor“. Schließlich gilt es ja, die Innovationsvorschläge im großen Finale allen anderen Gruppen und insbesondere den sehr neugierigen Sylter Unternehmern zu präsentieren, dabei einen guten Eindruck zu machen und hilfreiche Innovationsimpulse zu geben. Das ist allen hervorragend gelungen.     

Epilog

Mit sehr beschränkten Ressourcen, insb. mit geringem zeitlichem Spielraum kann Bemerkenswertes geschaffen werden, wenn gegenseitige Wertschätzung entsprechend der Improprinzipien gelebt wird. Das wurde sowohl im ersten Akt der Theaterinszenierung wie auch im zweiten Akt des Cross-Innovation-Experiments deutlich. Sicher wird nicht jedes Ergebnis exzellent, wenn man es nur unter Zeitdruck erarbeitet. Viele Projekte und Prozesse benötigen Zeit und Gründlichkeit. Es gibt aber auch einige Herausforderungen, die besonders gut bewältigt werden, wenn man sich Ihnen unter straffen zeitlichen Bedingungen stellt und dazu ein vielseitiges Team aufstellt, das wertschätzend und fokussiert nach dem Motto „Die Szene geht vor“ arbeitet.    

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