Technische Strategien für große Rechenzentren im Bankenumfeld – zwischen Fusionsdruck und Innovationsdruck

// Cloud Computing, IT-Prozesse &-Organisation

IT-Provider ist nicht IT-Provider. Die Kundenstruktur und damit das Portfolio trägt ebenso zu einer Unterscheidung bei wie der konkrete Standpunkt im technischen Erneuerungszyklus, dem sich mal mehr mal weniger jeder IT-Provider unterwerfen muss. Die Berater von noventum consulting sind seit Mitte der 90er Jahre im IT-Bankenumfeld tätig. Die noventum Management Berater Markus Ristau und Stefan Wolters haben in einem Redaktionsgespräch Eckdaten für eine Situationsanalyse zusammengetragen, die sich dieser speziellen Sorte IT-Provider widmet.

novum: Was sind die wichtigen technologischen Herausforderungen, denen sich die Banken-IT derzeit gegenüber sieht?


Servertechnologie treibt technische Entwicklung

Stefan Wolters: Technologisch gesehen stehen wir wieder einmal vor einem großen Schritt und der heißt dieses Mal „Windows 2012“. Diese neue Betriebssystemgeneration wird bei dem einen oder anderen IT-Provider große Wellen schlagen. Wenn nicht alle Systemgenerationen in der Vergangenheit mitgenommen wurden, kann die Zeit schon mal knapp werden. Fast 3 Jahre Zeit zwischen dem Erscheinen von Windows 2012 im September 2012 und dem Ende des Supports von Windows 2003 Mitte 2015 klingt zwar erst mal viel, für ein großes Rechenzentrum relativiert sich das aber. Innerhalb dieser Zeit eine neue Plattform zu entwickeln und alle Systeme umzustellen, ist eine große Aufgabe. Das macht natürlich Druck. Die Anzahl der zu migrierenden Server geht schnell in die zig-Tausende. Und die migriert man nicht ‚mal eben‘. Oft bedeutet dies auch den Austausch der Server-Hardware oder sogar Parallelbetrieb. Dem großen Umstellungsdruck gegenüber stehen in diesem Fall jedoch erhebliche Einsparungen, die durch die lange Nutzungsdauer der Plattform realisiert werden konnten. Ob man jeden Betriebssystemwechsel als IT-Dienstleister durchführt oder nicht, ist also durchaus auch ein Rechenexempel.

Markus Ristau: Die erhebliche Menge an Servern, über die wir gerade im Umfeld der Banken-IT sprechen, bringt über die Windows Server 2012 Thematik auch weitere Themen nach vorne: Virtualisierung, Zentralisierung und Provisionierung. Sowohl für die Banken als Kunden wie auch für die IT-Provider wird es immer mehr ein Thema, Rechnerkapazitäten gewissermaßen just in time vorhalten zu können.

Stefan Wolters: Das stimmt. Obwohl es im Bankenumfeld eine eher langsamere Weiterentwicklung gibt und man weniger innovationsverliebt ist als der Gesamtmarkt, ist der Druck auf die Dienstleister hoch. Wobei Flexibilität sicherlich noch einen höheren Stellenwert hat als schnell realisierte Innovationen.

Markus Ristau: Ja, die meisten Rechenzentren im Banken-Umfeld halten heute eine eigene zentrale Lösung vor, Plattformen mit einem übergreifenden Active Directory und auf die Umgebung zugeschnittenen Automatismen. Das hat aber durchaus Folgen.

Stefan Wolters: Da kommen wir zu den größten Herausforderungen eines IT-Dienstleisters – einen für jeden Kunden geltenden Standard zu schaffen und trotzdem Raum für die Individualität der Kunden zu geben. Und als ob das noch nicht paradox genug ist, die Abhängigkeit von einer der gängigen Plattformen (Microsoft z.B.) hat dann zusätzlich zur Folge, dass bei einem Betriebssystemwechsel sämtliche Individualentwicklungen nachziehen müssen. Ein großer aber auch kalkulierbarer Aufwand. Das Arbeiten mit einer eigenen Plattform kehrt die Abhängigkeit und Dynamik u.U. um (von der Anwendung zur Plattform), und das verlangsamt die grundsätzlichen Entwicklungszyklen sehr, da dieser Aufwand immens ist. Grundsätzlich muss man sagen, je größer die Anzahl der Anwendungen, die auf einer zentralen Plattform betrieben werden, desto langsamer sind die Entwicklungszyklen dieser Plattform.

novum: Was spricht gegen eine langsame Entwicklung?

Stefan Wolters: Primär die fehlende Möglichkeit, schnell innovative Technologien einzusetzen. Nehmen wir die Möglichkeit ins Visier, an den attraktiven Neuerungen zu partizipieren, die an anderer Stelle der IT-Wirtschaft hochkommen, z.B. Cloud Computing. Einmal implementiert, was durchaus Aufwand macht, ist das Ganze eine wunderbare Möglichkeit, flexibel auf wechselnde Anforderungen zu reagieren. Bis das jedoch in einer solchen Umgebung umgesetzt ist, ist es eigentlich schon nicht mehr neu.

novum: Ob mit Blick auf das Betriebssystem oder die großen Bankenanwendungen: Zentralisierung ist heute wieder der generelle Trend?

 

Zentralisierung ist der derzeitige Trend im IT-Umfeld der Banken

Markus Ristau: Ja und nein. Als gemeinsamer Zielkorridor für die aktuellen Projekte ist das Thema Zentralisierung wieder einmal ganz groß. Der Anspruch ist die komplette Bereitstellung aller IT-Dienstleistungen zentral in einem Rechenzentrum. Gleichzeitig gibt es eine ganze Reihe von 
Kunden, die individuell entscheiden möchten, welche Dienst­leistungen, welche Applikationen sie kaufen und welche sie selber vorhalten wollen. Als zusätzliche Herausforderung gibt es dann noch den Wunsch, dass die zentralen und dezentralen Strukturen und Anwendungen miteinander kommunizieren können, um ein Höchstmaß an Flexibilität für verschiedenste Anforderungen zu haben. Dank immer besser werdender Netzwerkinfrastruktur ist „always on“ eine Selbstverständlichkeit geworden, die aber auch die notwendige Basis für aktuelle Cloud-Lösungen ist.

novum: Wenn wir einmal den Zentralisierungstrend betrachten, wo liegen dessen Gründe?

Markus Ristau: Ein Grund oder ein Kreis von Gründen ist in den interessanteren technischen Optionen zu suchen. Mit einer zentralisierteren Lösung lassen sich einfach „smartere“ Applikationen anbieten und regulatorische Anforderungen lassen sich zentral besser erfüllen, als wenn sie bei den einzelnen Kunden abgedeckt werden müssten.


novum: Was heißt das konkret?

Stefan Wolters: Speziell kleinere Banken können die Anforderungen kaum erfüllen, die die BaFin (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht) heute an sie stellt. Das sind Anforderungen zur Sicherheit (auch baulich), Dokumentationspflichten, Betriebsaufwendungen sowie Revisionsanforderungen. Diese Kostentreiber fördern die Bereitschaft, die eigene IT komplett an den IT-Dienstleister abzugeben. In diesem Zentralisierungsprozess gibt es natürlich auch Gegenbewegungen. Anfänglich hängen einige Kunden doch sehr an ihrer Teil-Autonomie. Das kann in Summe aber ganz schön teuer werden und hat beim Preis auch seine Grenze.

novum: Und die technische Seite?

Markus Ristau: Nehmen wir die vielfältigen Möglichkeiten des Cloud Computing, welches man ja auch durchaus als eine Spielart von Virtualisierung verstehen kann. Cloud heißt letzten Endes, ich bekomme auf Knopfdruck eine komplette Infrastruktur inklusive Anwendungslandschaft bereitgestellt. Das geht auch tatsächlich inzwischen sehr gut. Das macht es für die einzelnen Kunden wieder attraktiv, mitzugehen, weil damit jede technische Entwicklung eins zu eins sofort nachvollzogen werden kann. Kein Kunde muss selber Know-how aufbauen oder andere Aufwände treiben, wenn sein Provider ihm diese Arbeit abnimmt.

 

Cloud Computing öffnet auch der Konkurrenz die Tür

Stefan Wolters: An diesem interessanten Punkt halten sich für die IT-Provider im Bankenumfeld Gewinn und Verlust auch die Waage. Die technischen Möglichkeiten des Cloud Computing unterstützen den Trend zur Zentralisierung. Das trägt zur Kundenbindung bei. Gleichzeitig gibt es gerade wegen der Möglichkeiten des Clous Computing immer weniger Anlass, sich zurückzulehnen. Auch andere Anbieter haben diese Möglichkeiten und es gibt kein Monopol darauf. Die Kundenorientierung bei den IT-Abteilungen sowie bei den großen IT-Providern wird und muss sich in Zukunft noch einmal deutlich verbessern. Die der Konkurrenz zumindest tut das.

novum: Hier beschreiben Sie einen generellen Trend?

Markus Ristau: Ja, die Übersetzungsleistung Business-Anforderungen Richtung IT-Umsetzung wird simpler werden müssen. Zukünftig gibt man seine Anforderungen als Business-Anforderung an die Cloud und hinten heraus schaut eine Lösung, die einfach zu haben ist. Das ist natürlich eine vereinfachende Darstellung, aber das ist die Richtung, in die wir gehen.

novum: Gibt es diesen Ansatz eigentlich auch schon für die Personalseite? Also aus der Cloud nicht nur Technik, sondern kombiniert damit auch Know-how und reale Fachleute auf Abruf? Der Grundgedanke hinter dieser Frage ist das Bild eines „Just in Time“ für technisches Fachpersonal. Eine entsprechende fachliche Affinität zum Geschäft des Kunden vorausgesetzt, wäre das doch für IT-Provider in einem definierten fachlichen Umfeld ein attraktives Geschäftsmodell?

Markus Ristau: Nein, diese Kombination von IT-Dienstleistung und ‚Zeitarbeit‘ gibt es so noch nicht. An der Stelle sind es IT-Unternehmensberatungen wie noventum, die personelle Engpässe abdecken.

 

Technische Vereinfachungen eröffnen auch geschäftlich neue Perpektiven

novum: Eine letzte Frage zur technischen Strategie der großen IT-Provider im Bankenumfeld: Ist die Idee, sich weiteren Märkten zu öffnen sowie die Wahrnehmung, dass Cloud Computing in bestehende Kundenbeziehungen hineinstrahlt, ein Motivator für Veränderung?

Stefan Wolters: Die zentralen Plattformen, über die sämtliche bankentypischen Kernapplikationen laufen, sind das Herzstück dieses speziellen Typs von IT-Provider. Darin steckt ungeheuer viel Entwicklungsaufwand und das ist auch aus Kundensicht der Kern der Dienstleistung. Hier ist nicht endlos Platz für Veränderung. Und da an dieser Stelle auch das größte Know-how steckt mit der größten Schnittmenge von Fachlichkeit und Technik, sehe ich nicht, dass in naher Zukunft die IT-Provider der Banken für Jedermann IT-Dienstleistungen anbieten werden. Das mag sich jedoch in Zukunft ändern, wenn es Zertifizierungsstandards für Cloud Lösungen gibt. Allerdings ist das noch „Zukunftsmusik“.

Markus Ristau: Das ist auch meine Erfahrung. Und doch gibt es einen generellen technischen Trend zur Vereinheitlichung und Vereinfachung. Dem werden sich auch die IT-Dienstleister im Bankenumfeld nicht verschließen und dann reden wir vielleicht in wenigen Jahren schon anders über dieses Thema.

novum: Vielen Dank für dieses Gespräch.

 

[Das Gespräch führte Dr. Matthias Rensing, noventum consulting]

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Markus Ristau

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Stefan Wolters

 

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