Von der Mitarbeiterorientierung zum Total Quality Management

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Unternehmensführung zwischen Vertrauenskultur und Managementsystem

 

novum: Seit 10 Jahren beschäftigt sich noventum consulting sehr intensiv und erfolgreich mit Vertrauenskultur und dem Ziel eines „Great Place to Work®“. Du bist jetzt noch einen Schritt weitergegangen.

Uwe Rotermund: Als Unternehmensleiter ist es seit vielen Jahren mein Wunsch gewesen, der Leistungsorientierung eine Struktur zu geben, nicht nur darauf zu vertrauen, dass jeder für sich definiert, was Leistung ist. Ich gehe davon aus, dass Menschen leisten wollen, aber ich kann nicht davon ausgehen, dass alle in die gleiche Richtung leisten wollen, dass ein gemeinsames Ziel verfolgt wird.

novum: Worin besteht die Herausforderung, Vertrauenskultur und Leistungsgedanken zu verknüpfen? Schließlich gehört die Mitarbeiterorientierung gewissermaßen zum Credo von noventum.

Uwe Rotermund: Der Spagat ist, auf der einen Seite den einzelnen Führungskräften und Mitarbeitern ein sehr hohes Maß an Selbständigkeit und Selbstverantwortung zuzubilligen, auf der anderen Seite eine sehr klare Orientierung über die leistungsorientierten Kennzahlen zu entwickeln. Einmal neugierig geworden, haben wir uns auf den Weg gemacht, uns auch im EFQM-Umfeld (European Foundation for Quality Management) zu entwickeln. Aus früheren Zeiten gab es Erfahrungen mit der „Balanced Scorecard“. Was unsere Unternehmensvision angeht, haben wir seit jeher eine große Klarheit und einen großen Konsens. Lediglich was die Idee einer „Überprüfung und Steuerung“ angeht, gab es bei uns Nachholbedarf.

 

Vertrauen ist gut, Controlling aber auch!

novum: Worum geht es im Kern?

Uwe Rotermund: Wenn das Motto der Great Place to Work® Community etwas verkürzt lauten könnte „Vertrauen ist gut, Kontrolle war gestern“, dann wirft das auf den Gedanken von Kontrolle ein ausschließlich negatives Licht. Meine Haltung  ist dagegen, „Vertrauen ist gut, Controlling aber auch!“ Gemeint ist Controlling im Sinne von Steuerung und Transparenz. Es geht um eine intelligente Verknüpfung
beider Ansätze.

novum: Controlling in diesem Sinne impliziert also eine starke Beteiligung der Mitarbeiter?

Uwe Rotermund: Hier geht es um die Frage: „Wo stehe ich?“ Es geht um den Lerneffekt für alle Beteiligten. Oft wird gemeinsam definiert, was die Ziele sind; gemeinsam beobachtet, wie es funktioniert; am Ende gemeinsam die Frage gestellt: „Was lernen wir daraus, wenn wir unsere Ziele nicht erreicht haben?“ Diese Art der Steuerung versteht sich als „kooperative Steuerung“. Mein Menschenbild sagt, dass es in einer Vertrauenskultur nicht nötig ist, zu überprüfen, ob jemand seine Arbeit gemacht hat, sondern gemeinsam zu lernen und zu verstehen, woran es gelegen hat, wenn seine Ziele nicht erreicht wurden.      

novum: Wie passen Great Place to Work® und EFQM, das Controlling-System, das Du Dir ausgesucht hast, zusammen?

Uwe Rotermund: Sehr gut! EFQM definiert sich in 8 Prinzipien, die sämtlich sehr gut zu den Prinzipien der Vertrauenskultur passen, wie sie das GPtW® Institut vertritt. Zu nennen ist vielleicht beispielhaft das GPtW® Prinzip der „ausgewogenen Ergebnisse“. Es geht um positive Ergebnisse, sie sollen aber fair verhandelt sein. „Balance“ und „Nachhaltigkeit“ sind Begriffe, die hier zusammenkommen. Dabei geht es um mehr als das einzelne Unternehmen. Auch das Gemeinwohl soll nicht aus den Augen verloren werden. „Führungsqualität“ und die Erkenntnis, dass „Mitarbeiter der Schlüssel des Erfolgs“ sind, sind weitere Berührungspunkte.

 

Ist Integrität messbar?

novum: Beim EFQM scheint die intensive Beschäftigung mit den eigenen Prozessen im Vordergrund zu stehen?

Uwe Rotermund: Das ist richtig! Wir brauchen zur Erreichung unserer Ziele eine industrielle Logik, eine wiederholbare Vorgehensweise. Das ist das Interessante an der Kombination beider Ansätze. Aus dem GPtW Blickwinkel geht es um Haltung, Integrität und Visionen. Da wir eine Organisation sind, geht es aus der EFQM-Perspektive um Reproduzierbarkeit, Regeln,Erkentnisse und Prozesse.

 

novum: Ist Integrität messbar?

 

Uwe Rotermund: Ja, es geht darum, wie man die Erreichung von Integrität Kundennutzen oder gesellschaftlicher Verantwortungsübernahme in Zielen und Prozessen abbildet. Dann ist auch Integrität messbar.          

novum: Wie muss man sich die Analyse-Struktur von EFQM vorstellen?

Uwe Rotermund: Ein wichtiges Element des EFQM-Modells ist die Selbstbewertung. Dabei unterscheiden wir fünf Prozessgruppen, die zusammengenommen als „Befähiger“ des Unternehmens betrachtet werden.

1. Führung        

2. Strategie       

3. Mitarbeiter   

4. Partnerschaften und Ressourcen

5. Prozesse, Produkte und Dienstleistungen

In diese fünf Bereiche gliedert sich das gesamte Unternehmen. Zu jedem Bereich gibt es Fragen, die in beliebiger Detailtiefe beantwortet werden müssen. Natürlich gehören eine Ablauf- und Aufbauorganisation dazu, eine Vision, eine Strategie. All das muss beschrieben werden. Wenn ich ein „Great Place to Work®“ bin, habe ich einen großen Teil dieser Fragen schon beantwortet, es gibt viele thematische Überschneidungen. Der sogenannte „Kulturaudit“ der Great Place to Work® Befragung deckt inhaltlich schon eine Menge ab, was bei der EFQM-Befragung erneut zum Thema wird.

novum: Was ist beim EFQM-Ansatz noch hervorzuheben?

Uwe Rotermund: Das EFQM setzt auf Befähigung und Erfolg. Wenn ich wiederholbare Prozesse habe, mit denen ich ein Ergebnis erzeuge, dann „befähige ich den Erfolg“. Und den Erfolg messe ich in Ergebnissen.

novum: Was hat für Dich die Beschäftigung mit EFQM hinsichtlich Deines Unternehmens bisher gebracht?

Uwe Rotermund: Zunächst einmal konnte ich auf hohem Konkretionsniveau ablesen, wie vollständig wir unser Unternehmen durchdacht, unsere Tätigkeit gedanklich durchdrungen haben. Weiße Stellen konnten wir schnell füllen.                Das war auch der erste wichtige Schritt des Audits, das wir durchlaufen haben, die Selbstanalyse.

novum: Wie sind die Wirkungen des EFQM?

Uwe Rotermund: Prozesse beschreiben ja zunächst einmal nur, was wie getan werden soll. Die Wirkung ermisst sich in zwei Dimensionen. Das eine ist die Frage: „Werden die Dinge wirklich so gemacht, wie sie beschrieben sind?“ Die andere Frage ist: „Kommt das dabei heraus, was man sich davon versprochen hat?“ Das ist die Ergebnisebene von EFQM. Mess- und Planungsverfahren müssen für die Beantwortung dieser Fragen vorhanden sein. Ohne Plan-/Ist-Vergleich gibt es keine Ergebnisse.

novum: Wie steht es mit dem Vergleich zu anderen Unternehmen?

 

Manches ist nicht zu vergleichen, wenn man innovativ ist!

Uwe Rotermund: Benchmarking klingt immer erst einmal gut. Manches ist aber nicht zu vergleichen, gerade wenn man innovativ ist. Im Rahmen der EFQM-Frageschablone können unterschiedliche Unternehmen zu gänzlich unterschiedlichen Ergebnissen kommen und dennoch alle sehr erfolgreich sein. EFQM fällt keine wertenden Entscheidungen, es bietet ein Planungs- und Analysegerüst an.

novum: Die definierten Ziele und Zwecke eines Unternehmens können ja durchaus immateriellen Charakter haben, den man schwer messen kann, weil sie an Größen wie „gut“ oder „hilfreich“ angelehnt sind. Denken wir an die Idee, als Unternehmen in der Welt etwas zum Gelingen der Gemeinschaft aller Menschen beitragen zu wollen.

Uwe Rotermund: Ja, da wird es anspruchsvoll und lohnend zugleich. Es ist doch eine hervorragende Herausforderung, seine eigenen Handlungen so zu kategorisieren, dass ich zunächst theoretisch und dann empirisch ablesen kann, ob ich das Richtige tue, um z.B. die Welt zu verbessern. Ich muss mich dann sehr streng befragen, was tue ich denn konkret, um mein hehres Ziel erreichen zu können? Und in der Folge frage ich mich, ob es richtig war, um mein Ziel zu befördern, nachdem ich über die Reaktionsanalyse die Wirkung meines Tuns abgeglichen habe mit dem angestrebten Ziel. Es ist ein faszinierendes Instrument!

novum: Das noventum Corporate Management Dashboard ist am Ende die Plattform, auf der alles zusammenläuft?

Uwe Rotermund: Ja. Als IT-Experten und BI-Experten haben wir für unsere eigenen Zwecke natürlich eine entsprechende Anwendung erstellt. Die hilft uns sehr, unsere Ergebnisse zu visualisieren und auszuwerten. Hier ist auch noch einmal im Detail ablesbar, wie harmonisch Ergebnisse und Zahlen aus dem GPtW® Prozess in das EFQM-Gewerk einfließen. Viele Synergien, viele innere Verbindungen.

novum: Vielen Dank für das Gespräch.

 

(Das Gespräch führte Dr. Matthias Rensing, noventum consulting.)

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