In Singapur ist freitags um 18 Uhr Geisterstunde

// IT-Outsourcing

Internationale IT-Projekte haben immer auch einen kulturellen Hintergrund

 

Tamara Wagner, Beraterin für IT-Outsourcing bei noventum, besuchte im Rahmen eines größeren IT-Outsourcing-projektes Singapur, das asiatische Rechenzentrum ihres deutschen Kunden. Dieses repräsentiert IT-technisch auf der Achse Deutschland-Singapur-USA den deutschen Konzern in Asien.

 

novum: Frau Wagner, das IT-Geschäft ist international, die weltweiten Konzernstrukturen mancher Unternehmen allemal. Wie abgestimmt und perfekt sind die Strukturen und Prozesse, wenn man konkret und vor Ort schaut?

Tamara Wagner: Das meiste ist im internationalen IT-Geschäft standardisiert und 1:1 übertragbar. IT-Fachleute sprechen die gleiche Sprache, zumeist Englisch, über international verbreitete Codices  wie ITIL ist im Bereich der Schnittmenge von Business-Anforderungen und IT-Umsetzung schnell ein gemeinsames Verständnis hergestellt. Zu Strukturen und Prozessen gehören aber natürlich ganz zentral auch immer wieder die Menschen, die in ihnen arbeiten. Und Menschen lassen sich ungern in gleichmachende Systeme pressen.

novum: Wie äußert sich das konkret?

Tamara Wagner: Nehmen wir die Meeting- und Kommunikationskultur. Wir in Deutschland sind es gewohnt, auch mit uns persönlich fremden Partnern recht direkt zur Sache zu kommen. Klare Aussagen, keine Scheu vor Problematisierung oder auch Kritik, alles sehr sachbezogen.

novum: Und Ihre Erfahrung in Singapur?

Tamara Wagner: Unsere asiatischen Gastgeber empfingen uns mit einer ganz anderen Haltung. Bevor wir in irgendeiner Form konkret werden konnten, gaben sie der persönlichen Annäherung und Begegnung viel Raum. Sie zeigten uns ihr Arbeitsumfeld, legten Wert darauf, mit uns Zeit zu verbringen. Wir hatten den Eindruck, dass es zunächst darum ging, einen persönlichen Kontakt herzustellen.

novum: War der Anlass Ihres Besuches ein kritischer?

Tamara Wagner: Gegenstand unseres 10-tägigen Workshops war die Bestandsaufnahme der gegenwärtigen und zukünftigen Aufgaben des Rechenzentrums in Singapur, nachdem der Mutterkonzern die operativen Felder seiner weltweiten IT an einen indischen Provider abgegeben hatte. Keine ganz einfache Fragestellung, da die Mitarbeiter im asiatischen Rechenzentrum nicht wussten, wie es konkret für sie weitergeht.

novum: Eine schwierige Situation?

Tamara Wagner: Nein, im Kern nicht. Der Standort steht nicht zur Diskussion, es ging nur um neue Aufgaben. Singapur wird weiterhin den gesamten asiatischen Teil der Konzernkommunikation gewährleisten. Und auch die Steuerung des Providers aus Sicht des asiatischen Raums wird von Singapur aus geleistet werden müssen. Aber jede Veränderung löst psychologisch ja zunächst Unsicherheit aus. Und da wollten die Kollegen in Singapur wohl auf dieser Ebene erst einmal zwischenmenschlich etwas Sicherheit schaffen.

novum: Gab es weitere Erkenntnisse?

Tamara Wagner: Eine weitere Erkenntnis war, wie wichtig eine intensive gegenseitige Wahrnehmung auch auf fachlicher Ebene ist. Auch innerhalb eines Konzernes bricht der Informationsfluss mit zunehmender geografischer Entfernung mehr und mehr ab.

novum: Ein konkretes Beispiel?

Tamara Wagner: Die Mitarbeiter in Singapur waren drauf und dran, für 5 Arbeitsplätze teure Software-Lizenzen zu erwerben, die sie im Rahmen einer Konzern-Flatrate kostenlos bekommen konnten. Die Konzernzentrale wusste nichts von dem Bedarf in Singapur, Singapur wusste nichts von der Flatrate. Das ist ein typisches Beispiel dafür, wie eine dezentrale Struktur unnötig Ressourcen verbraucht. Vermieden werden kann das nur durch viel gezielte Kommunikation.

novum: Ist das ein Problem?

Tamara Wagner: Die zeitversetzten Arbeitszeiten z.B. machen eine 1:1 Kommunikation Europa-Asien-Amerika sehr anspruchsvoll. Einer muss nachts aufstehen. Und wenn man dann lernt, dass in Singapur freitags ab 18 Uhr „Geister“ die Arbeitsplätze heimsuchen, dann merkt man, wie jede Lebensrealität am Ende sehr konkret ist.

novum: Das ist dann aber schon überraschend?

Tamara Wagner: Um nicht mit Befremden zu reagieren, muss man sich wahrscheinlich einmal eine asiatische Brille aufsetzen, um zu sehen, dass kulturelle Diversität immer gegenseitig ist. Auch wir sind „anders“! Was hilft, sind Neugierde und Geduld. Und das sind ja wieder sehr menschliche Tugenden, weltweit.

novum: Vielen Dank für das Gespräch.


noventum consulting

Tamara Wagner

SENIOR CONSULTANT

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